spacer
Damals – Die Geschichte zum Haus

Das vom Badener Architekten Arthur Betschon erbaute Kino Royal öffnete am 1. Juni 1913 unter dem Namen «Radium» seine Tore – nur fünf Jahre nach dem ersten «ständigen Kinematographen-Theater» in Zürich. Der kapellen-artige Bau mit flachem Giebeldach und eingezogenem Vestibültrakt war der erste Badener Kinobau und zählte 400 Sitzplätze. Bei der Namensgebung folgte man der Mode: in den Anfängen des Kinos wurde nämlich nicht selten auf das technische Wunderwerk verwiesen: «Elektrische Lichtbühnen», später nur noch «Lichtbühnen» oder «RADIUM». Es wurden oft auch Namen gewählt, die dem Kino Exklusivität verleihen sollten, wie Elite, Excelsior, Etoile, Central, City, Kosmos, Maxim, Modern, Palace oder ROYAL.

Bereits 1911 wurde in einer Werkstatt in Ennetbaden ein improvisiertes Laden-kino betrieben. Der Obrigkeit des katholischen Städtchens war die verrufene neue Unterhaltung ein Dorn im Auge, worauf der Stadtrat ein generelles Kinoverbot erliess. Lehrer und Pfarrer bekämpften das verderbliche “Kinofieber” mit Eingaben und in öffentlicher Debatte, denn das Kino mit seinen illusionären Traumwelten und lasziven Stummfilm-Diven stelle eine Gefahr für die guten Sitten dar. Just zu der Zeit, als Baden eine vergnügungslose Zukunft drohte, tauchte eine exzentrische Dame namens Madame Marie Antoine aus Paris in der Stadt auf. Sie hegte den verwegenen Wunsch, ein Kino zu bauen und erwirkte durch persönliches Vorsprechen beim Aargauer Regierungsrat die Aufhebung des Kinoverbotes. Am 1. Juni 1913 konnte sie den als «RADIUM» in der Nähe des Bahnhofs erbaute Saal für 400 Besucherinnen und Besucher eröffnen. Gezeigt wurde (als Benefizgala zu Gunsten des Kirchenfonds der gegnerischen Kirche) «Die letzte Liebe einer Königin» mit Sarah Bernhardt.  In «ROYAL» wurde das Kino umbenannt, als Eugen Sterk, Neffe des Stadtzürcher Kinopioniers Jean Speck, den Saal übernahm.1935 wurde umgebaut. Hierbei verschwanden die beiden seitlichen Eingangstüren zum Saal und die reich verzierte Jugendstilfassade. Konkurrenz hatte das Radium zu dieser Zeit bereits durch das Orient (1923) und das Sterk (1928) bekommen.

Das Kino Royal blieb bis zur Eröffnung des sanierten und umgebauten Kino Sterk im Jahre 2008 in Betrieb. In den letzten Jahren diente es als lieb ge-wonnenes Studiokino mit rund 160 Sitzplätzen und war gewissermassen Vor-läufer des heutigen Programmkinos Orient. Bis zum Verkauf an die F. Aeschbach AG im Februar 2010 konnte das Royal für Einzelanlässe gemietet werden und wurde unter anderem für Kulturfestivals als Veranstaltungsort genutzt, wie z. B. die Jüdischen Kulturwochen oder das Animationsfilmfestival Fantoche.

Abbruch, Parkplätze und Kulturbühne Royal

Ein Mitglied des heutigen Vereins «Mon Royal» entdeckte Ende November 2010 im Internet das Abrissgesuch für das Kino Royal in Baden. Das Gebäude sollte 13 Parkplätzen weichen. Das Abrissgesuch löste grosse Erschütterung aus. Unter anderem auf einer Internet-Plattform wurde die Widerstandsgruppe «Kino Royal – Unser liebstes Kino lassen wir uns nicht nehmen» gegründet, die innert Wochenfrist bereits um die 200 Mitglieder zählte. Ein engagierter Teil dieser Gruppe formierte sich zur IG Royal mit dem Ziel, das Kino Royal vor dem Abriss zu schützen und als nicht kommerziellen multimedialen Kulturbetrieb zu führen.

Zu diesem Zweck wurde eine Petition verfasst und ein Grobkonzept für einen vorläufigen Kulturbetrieb entwickelt. Die über 4000 Unterschriften, das Grob-konzept und eine Liste mit regionalen und nationalen Kultur- und Filmschaffenden, welche das Royal vor dem Abriss bewahren möchten, wurden dem Stadtrat am 22. Dezember 2010 unter feierlichem Konfettiregen auf einem roten Teppich vor dem Badener Stadthaus überreicht. Der Aufruf zum Massenaufmarsch war erfolgreich: Rund achtzig Interessierte applaudierten, als der Stadtammann verkündete, dass das Kino Royal für 13 Parkplätze ohne adäquaten Ersatz nicht abgerissen werde und eine Vermietung angestrebt werde. Immerhin mal das. Die kantonale Denkmalpflege ging noch einen Schritt weiter und verlangte von der Stadt Baden (mit Nachdruck… ! ), das Royal in das Inventar der geschützten städtischen Kulturgüter aufzunehmen. Was der Stadtrat im Hinblick auf die geplante, spekulative Verwertung des zentralen Standortes deutlich verwarf.

Am 22. Februar 2011 wurde der Verein «Royal Baden» mit Sitz in Baden gegründet, der den Erhalt, die Entwicklung und den Betrieb einer nicht ge-winnorientierten, unabhängigen Kulturstätte im ehemaligen Kino Royal bezweckt. Und um dem Haus ein glühendes einhundertstes Jubiläum und weiterhin ein langes glorreiches Leben zu schenken.

Weitere Hintergrundinformationen zu Geschichte und Projekt: “Ein stolzes Jahrhundert Royal” – Das Heft zum Fest

radium1913